Wertvoll…

So inzwischen ist wieder einmal Montag, doch dieses Mal ist alles anders: Nein, ich rede nicht von Kater oder anderen Exzessen, sondern von etwas völlig Anderem. Ich habe tatsächlich den Anflug des Gefühls etwas geleistet zu haben. Kaum zu glauben, aber es könnte fast so sein… natürlich nicht viel – aber so ein bisschen. Nein, entgegen allen Erwartungen habe ich die Chinesen nicht zur Bekennung zum Kapitalismus überzeugt oder endlich das lang ersehnte Firmenimperium aus dem Boden gestampft. Nein. Fast. Viel besser – Kekse gebacken.

Donnerstag ging es los! 23.50 Uhr Nachtzug nach Fuyang, Anhui – im Herzen Chinas. Das bedeutet 9 Stunden Nachtzug – ein echtes Erlebnis. Vorher aber erst noch meine 2 Würzburger Mitreisenden eingesammelt – für alle, die jetzt böse oder enttäuscht sind: Es war die letzte Möglichkeit meine gute Freundin Annie zu sehen – da kamen die mit, die nachgefragt haben. Vorher musste ich aber noch unbedingt meinen schlechten Orientierungssinn zur Schau stellen, was uns nicht daran gehindert hat uns mit unserer chinesisch-amerikanischen Küchenchefin Lillian zu treffen und gemeinsam zum Bahnhof zu kommen.

Nach einer Duschbedürfnis hervorrufenden Zugfahrt, die echt cool war, nur eben nicht im eigentlichen Sinne des Wortes, kamen wir gegen halb 10 in Fuyang an. Bei Fuyang handelt es sich um eine unbedeutende 9 (!!) Millionen Stadt, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Ich hatte jedoch schon vorher etwas über Anhui und der Nebenprovinz Henan gehört – sie sind bekannt für AIDS, TB, Malaria und bei mir inzwischen für sehr gutes Essen und seine Menschen.
So, schnell ausgestiegen und Koffer getragen und zack schlägt das Klima zu. Her mit der Dusche! Quasi doppeltes Duschbedürfnis. Und dieses Bedürfnis kommt mit einer Regelmäßigkeit auf, kaum zu glauben und korreliert mit dem Tatbestand des Verlassens klimatisierter Räume. Und dann noch schnell einer sehr netten Mutter beim Tragen der Koffer – überhaupt bin ich ein Spezialist für tragende Rollen – geholfen. Sie hatte das Pech mit uns ein Abteil teilen zu dürfen und wir waren viel zu laut…
Naja, wir wurden dann von Annie und einer Lehrerin abgeholt. Flux ins Hotel und geduscht und dann auf ins NGO Büro – zum Treffen mit der Direktorin. Sehr beeindruckende Frau!
Für Informationen:

http://www.faaids.com

http://www.patskids.org

Mit Zhang Ying, der Direktorin und der kleinen Nan Nan fing alles an. Die Geschichte wird am besten in dem Oskar-prämierten Film „The Blood of YingZhou District“ erzählt. Obwohl sie 2005 zu den einflussreichsten Chinesen gewählt und ihr Ehemann KFC nach China gebracht hat, stellt sie sich mit Plakaten in Busse und klärt die Menschen – quasi ambulant – über HIV/AIDS auf. Hinter der NGO stehen Größen wie der Premier Wen Jiabao, Yao Ming und Johnson & Johnson. Und viele andere. Und ich.
Gute Sache, starke Umsetzung – ich bin dabei. Satzung ist quasi fertig, Gebührenordnung kommt noch. Der Rest des Vereins kommt. Ich habe das ja schon einmal nicht ganz unerfolgreich durchgestanden. Und dieses Mal kann sich keiner vor der Effizienz drücken. Zu großer Overhead bedeutet, dass die Kinder weniger bekommen. Inakzeptabel. Ach ja, Sitz des Vereins ist Würzburg. Ja, aus dem Wahlsinologe wurde ein Wahlwürzburger. Verrückt! Und so nenne ich auch jeden, der es ein Strohfeuer nennt. Die Profis unter euch erkennen meine Ambition, wenn sie durchkommt. Und wissen auch was das bedeutet. Ja, The Man könnte vielleicht wieder zurück sein.

So, zurück zu meinen Reisememoiren. Fuyang war voller Sinneseindrücke. Die Farben, vor allem der Geruch und der Geschmack. Und der kam vor allem beim anstehenden Mittagessen durch, welches wir in unserem Hotel eingenommen haben. Memo an mich selbst: Man sollte häufiger mit einem ehemaligen Küchenchef essen gehen.
Und dann ging es erstmal ins Waisenhaus zu den 5 Waisen. Eltern sind an AIDS gestorben. Sie selbst sind HIV positiv und von der Gesellschaft verstoßen. Deshalb können sie auch nicht bei Verwandten wohnen. Sie würde das gleiche Schicksal der Verbannung ereilen. Und warum? Wegen mangelnder Bildung. Die Leute glauben, dass AIDS schon per Berührung übertragbar ist. Eigentlich reicht ja schon der gleiche Raum. Und das führt wie nicht anders zu erwarten zu Ausgrenzung, Mobbing, Verachtung – Zerstörung jeglicher Würde. Das können Menschen. Vor allem Kinder und zwar richtig gut. Experten. Überall haben wir den Spruch, das Mantra, ja die weisen Worte lesen können:

Women dou yiyang.

Wir sind alle gleich.

Und nichts packt die Lösung genauer am Schopf als das und lacht der Realität ins Gesicht Mit einem Lächeln, das nur von dem Lächeln dieser Kinder noch übertroffen werden kann. Einem Lächeln von Kindern die ein Zuhause brauchen. Und denen sich Menschen wie Zhang Ying oder Annie angenommen haben. Jedes Kind hat seine Geschichte. Leider das gleiche Schicksal.

Danach ging es an eine Mittelschule auf dem Land, wo wir schlicht und einfach eine Attraktion waren, wobei der Rektor noch eine größere sein muss.

Dann sollten wir uns vor einer Klasse vorstellen. Großes Kino – gewaltiges Tennis! 3 Jahre Chinesisch und dann sowas… zum Glück hatten wir Lillian dabei, die recht fließend chinesisch kann und sie lernt seit Februar Chinesisch. Dafür ist sie aber auch motiviert dabei. Sehr abstruse Szene, so vor einer Klasse irgendwo im nirgendwo zu stehen und zu erklären, dass Deutschland in Europa liegt. Ist auch nicht so wichtig…wir waren trotzdem die Attraktion schlechthin. So noch 3 Bilder mit dem Rektor gemacht – die blonden Frauen mussten natürlich neben ihm stehen und weiter ging es mit unserer Reise.

Wir sind nach dem kurzen Schulintermezzo weiter zu Nan Nan nach Hause gezogen. Nan Nan lebt auf allein mit ihrer Schwester auf dem Land. Soll heißen, 2 ausgezeichnete Gebäude, 4 Räume, nur einer ausgestattet, ein kleines Beet und der Respekt von allen Beteiligten gegenüber Nan Nan. Sie ist 17 und lebt inzwischen völlig selbstständig. Der Onkel will sie nicht bei sich haben und nutzt stattdessen lieber ihr Feld und lässt ihr natürlich keinerlei Geld zukommen. Sie scheint inzwischen ein ziemlich normaler Teenager auf dem chinesischen Land zu sein, der eine Menge mitgemacht hat – ich sage nur so viel: Als sie von Zhang Ying gefunden wurde, war sie in einem kaum vorstellbaren Zustand…

Nach diesem Besuch ging es in Richtung Hotel – mal wieder duschen natürlich und Eindrücke verarbeiten. Von denen gab es natürlich mehr als genug. Erstaunen, Schrecken, Unverständnis, unfair, Respekt, Bewunderung. Dann noch einem kulinarischen Hochgenuss nachgekommen, Gehirn zermattert und auf ins Bett. Am nächsten Tag war es dann so weit: Kekse backen!

Lustiger Backspaß mit kleinen Kindern! Kann ich jedem nur empfehlen. Ich habe mich dann um den Backofen gekümmert. Kann das! Und es hat sogar ganz ordentlich geklappt. Vielleicht schaffe ich es ja hier mal mit Fotos zu glänzen.

Naja, nach extrem leckeren Mittagessen auf der Straße ging es dann auch schon auf in Richtung Activity Center. Hier kommen die Kinder aus der Umgebung, soll heißen bis zu einer Stunden mit dem Fahrrad, her und werden unterrichtet, spielen und haben gemeinsam eine schöne Zeit. Hier wurden die Kekse dann verteilt. Auch hier gilt wieder der Dank dem gesamten Team für diese unermüdliche Leistung. Man kann nur dankbar sein, dass es solche Menschen gibt.
Im Anschluss an diesen schönen Nachmittag gab es dann noch ein großes Abschlussabendessen. Und ich habe das mit der chinesischen Sitzordnung sogar hinbekommen! Wie bereits gesagt, es war ein tiefgreifendes Erlebnis, das ich so noch gar nicht richtig erfasst habe…

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